Mal jemand anderer sein dürfen...

11/01/2012 05:59:00 vorm.

Im Gespräch mit mir Rita Dummer über Schauspielen, Aufwachsen und Kreativität


Mittwoch, 17. April 2012


Theaterkurse für Kinder
Kinder können selber stärker werden, wenn sie mal im Schauspiel jemand anderer sein dürfen“, sagt Theaterpädagogin und Schauspielerin Rita Dummer. In Wien-Josefstadt bietet sie Theaterkurse und Schauspielunterricht für Kinder ab 7 Jahren, für Jugendliche und für Erwachsene an.

Was hier zählt ist die gemeinsame Leistung, die zum Entstehen eines guten Theaterstückes benötigt wird.

Weitere Informationen: http://www.schau-spiel.at oder: rita.dummer@schau-spiel.at


>>> Wo und wie findest Du Kreativität in Deinem Leben


Ständig. Situationen im Leben, in denen keine strenge Struktur vorgegeben ist und man selber nach Wegen suchen muss, erfordern aus meiner Sicht immer kreative Lösungen. Vor allem im Alltag mit Kindern sind sie notwen­dig.

Neben meiner Arbeit mit Kindern und Jugendlichen, meinem Beruf als Schauspielerin, mache ich selber Projekte. Ich mache Bühnenbild, Kostüme, schreibe Texte bzw. schreibe Stücke um, damit sie wieder zeitgemäß und für die Schau­spieler als auch Zuschauer interessant sind.

Auch in meiner Arbeit kann ich also meine Kreativität ausleben.


>>> Wie kreativ warst Du als Kind?


Ich war sehr kreativ, aber ich glaube, dass der Mangel an Spielzeug kreativer macht. Für uns als Kinder war das Lieblingsspielzeug einfach eine leere Schachtel. Die heutigen Kinder sind aber immer noch genauso begeistert, wenn sie aus Schachteln Häuser und anderes bauen dürfen.

Material braucht man – aber nicht mehr. Es gibt sehr oft Spielsachen, die quasi schon die Richtung vor­geben, wie man mit ihnen spielen muss. Solche Produkte engen viel zu sehr ein. Material, das frei zum Formen ist, ist wichtig.

Prinzipiell ist für mich das Schauspiel auch Material, an dem ich arbeite. Und die Regiearbeit lädt mich richtig zum Formen ein.

Oft brauche ich eine Anregung, einen Anhaltspunkt, der mich weiter bringt und eine Idee provoziert. Ich bin nicht je­mand der aus der Leere etwas schafft.


>>> Das Ausprobieren von Rollen in der Kindheit ist ein beliebtes Spiel bei Kindern. Wie hast Du das als Kind er­lebt?


Das war etwas ganz alltägliches. Das haben wir alle gemacht. Ich habe ständig irgendwelche Rollen gespielt – Mutter-Vater-Kind oder Zirkus. Diese Spiele in der Kindheit haben etwas Spontanes an sich und bieten unter anderem eine Möglichkeit, sich selber gut zu spüren. Es passiert alles in dem Moment und nachher ist es auch schon wieder vorbei.

Wenn ich jetzt als Erwachsene eine Rolle spiele, ist es besonders spannend andere Emotionen, Si­tuationen und Befindlichkeiten zu empfinden und auszuleben, die im rea­len Leben keinen Platz haben.


>>> Was lernst Du durch diese Erfahrungen für Dich persönlich?


Ich glaube, dass viele Menschen nach etwas streben, was sie aber in Wirklichkeit real nicht haben wollen. Wenn sie es haben würden, wären sie unglücklich. Aber sie sind oft überzeugt, dass sie es wollen.

Wenn ich in einer Rolle etwas emo­tional ausleben kann, brauche ich die Erfahrung in vielen Fällen im realen Leben nicht mehr zu machen.

Kinder und Jugendliche haben hie und da den Wunsch ein Star zu sein, wahnsinnig wichtig zu sein. Aber der Ruhm ist eigentlich nichts Lustiges. Wenn man eine Gelegenheit be­kommt, solch eine Rolle im Theater­stück zu verkörpern, so nimmt man auch die Abgründe und die Einsam­keit einer derart bekannten Per­sönlichkeit viel mehr wahr. Eine sol­che Erfahrung versetzt uns dann in die Lage die Sachen realistischer zu beurteilen. Durch das Schauspielen wird einem mehr bewusst, wer man selber ist und wo man hin will.

>>> Was erleben Kinder bei Dir?


Nicht nur Kinder – auch Jugendliche - können ganz viel ausprobie­ren. Sie dürfen in viele unterschiedli­che Rollen schlüpfen und mal je­mand anderer sein. Dabei erlebt man sich selber intensiver, man macht die Erfahrung, wie man selber ist und körperlich agiert. Das kann Kinder ermutigen, das zu tun, was sie sich bis jetzt nicht zugestanden haben.

>>> Welche Bedeutung hat die Gruppe in Deinen Kursen?


Ich begegne häufig Kindern, die sich kaum an Grenzen im Sinne von Ordnung halten können. Aber es ist notwendig, dass Kinder erfahren, wie sie sich in einer Gruppe verhalten können – im Unterschied zu dem, wie sie alleine zu Hause handeln können. Es ist oft eine große Erkenntnis, als Individuum nicht immer an der ersten Stelle stehen zu können.

Ich habe es als Ju­gendliche irgendwie selbstverständ­lich erlebt, dass man Rücksicht nehmen muss, wenn man mit ande­ren zusammen ist. Ein bisschen Ego und Ichbezogenheit sind wichtig, aber in der Gruppe kann es auch schwierig werden, wenn es zu viel davon gibt. Ich denke, dass die Er­fahrung, etwas gemeinsam zu schaffen, wichtig für Kinder ist.

>>> Das heißt, Kinder sammeln bei Dir Gruppenerfahrung und lernen in einer Gruppe klar zu kommen.


Ja. Auf jeden Fall. Man ist ja als Spielende oder Spielender irrsinnig abhängig von Partnern. Wenn der Partner schlecht spielt, so spielt man selber meistens auch nicht beson­ders gut. Je besser der Partner ist, umso besser wird man selber. Schauspielen ist ganz selten eine solistische Geschichte. So viele Mo­nologe gibt es gar nicht.

Es ist zwar toll, wenn jemand gut spielen kann, aber wenn er die ande­ren dabei nicht mehr zum Zug kom­men lässt, dann hat er auch nichts davon, weil dann wiederum die an­deren mit ihm nicht mehr spielen wollen. Ein bestimmtes Gleichgewicht in dieser Hinsicht ist Voraussetzung.

>>> Wie entwickelt sich Kreativität in der Gruppe?


Vor allem über die Kinder, die kreativ sind, lernen die anderen ihre eigene Kreativität zu entfalten. Viele trauen sich dann mehr aus sich heraus. Das Kennenlernen von Sichtweisen der anderen, macht das eigene Denken offener. Viele trauen sich aus dem „normalen“ Denken auszubrechen und probieren etwas Neues.

Ich lasse Kinder oft Sachen machen, die sie sonst nie machen dürfen. Sie dürfen mal Sandler sein, oder in die Rolle eines richtigen Fieslings schlüpfen. Das ist unheimlich wichtig, vor allem dann, wenn man solche Gefühle, Befindlichkeiten nie kennengelernt hat. Oft merken sie dann, dass Menschen sehr unterschiedlich sein können. Es fällt ihnen sonst nicht so auf. Häufig sind sie der Meinung, dass alle Menschen gleich sind und gleich denken.


>>> Inwieweit erlebst Du den Schauspielunterricht für Kinder als befruchtend?


Es macht offener, aber es bringt einen auch an Grenzen. Es bewirkt Weiterentwicklung, die aber unumgänglich auch bedeutet, über sich hinauszuwachsen.

Es ist für viele schwierig einzusehen, dass es nicht darauf ankommt ein Gewinner zu sein.

Vor allem für Jugendliche ist es eine Herausforderung in diesem Punkt den Blickwinkel ein wenig zu verän­dern. Sie sind es gewohnt zu hören, der war gut, der war besser – und der Wunsch/die Forderung danach, der Beste zu sein, folgt dann zwingend. Im Theater geht es aber nicht darum der Sieger zu sein.

Das was zählt, ist die gemeinsame Leistung – also das Endprodukt: Theaterstück. Es ist eine Gratwan­derung, wenn man Stücke mit Kin­dern und Jugendlichen einübt. Es ist die Frage, wie viel Leistung man fordern soll .

Ich versuche bei meiner Arbeit vor allem undifferenzierte Bewertungen zu vermeiden. Viel lieber gebe ich Kindern mit, was genau an ihrem Schauspiel gut war, oder ich zeige ihnen ihre Entwicklungs­schritte, damit sie darauf bauen kön­nen. Natürlich gibt es Unterschiede unter Kindern. Aber wenn sich einer mehr heraus wagt, persönlich einen größeren Schritt schafft, dann ist das toll.


>>> Stärkt das Schauspielen die Gemeinschaft und die Kooperation?


Schon. Wir haben einige Gruppen, wo viele schon sehr lange dabei sind. Man erlebt viel miteinander und das schweißt zusammen. Außerdem werden Kinder unheimlich offen und wach, wenn sie spielen. Sie haben immense Ausstrahlung und Energie.

>>> Was lernen die Kinder durch ihr Spiel mit den Rollen und die Ar­beit an den Texten für ihr persönli­ches Leben?


Sie dürfen mal jemand anderer sein und dadurch selber stärker werden. Es hat mehr mit Persönlichkeitsent­wicklung und wacherem Auftreten als mit Lernen zu tun. Man verliert Schranken im Kopf. Kreativität heißt ja, nicht nach vorgefertigten Lö­sungsmustern zu handeln, die je­mand anderer vorgibt.

Aber es ist schwer Ziele zu stecken, detailliert zu beschreiben, vorauszusagen, was ein bestimmtes Kind ganz kon­kret lernen wird. Wenn ich Kreativität fördern will, so kann ich dem Kind nicht beibringen – das und das ist Kreativität. Es muss etwas in dem Menschen geschehen. Ich kann ihm sehr viel auf den Weg mitgeben, offenes Denken anregen, aber ich kann die Entwicklung nicht für mei­nen Schüler machen und ihm die Lerninhalte nur präsentieren.

Alles was nachher in Richtung Leis­tungsbeurteilung geht, ist lernhindernd für diese Art der Entwicklung. Es ist eine großartige Leistung seitens der Kinder und Jugendlichen – nur messbar ist es nicht wirklich.


>>> In welchen Situationen fühlst Du dich in Deiner Arbeit mit den Kindern bestätigt?


Immer wenn ich Kindern beim Spie­len zusehe und mir denke, so etwas würde einem Erwachsenen nicht einfallen. Ihr Schauspiel ist oft viel spannender, sie greifen Themen genau auf. Beim Improvisieren brin­gen sie Sachen hervor, die schräg sind, aber trotzdem die Realität punktgenau widerspiegeln. Ich finde es manchmal einfach genial. Mit Ausnahme mancher sehr kreativ begabten Menschen können wir Erwachsene so etwas nicht derma­ßen gut. Häufig merke ich bei meiner Arbeit, dass uns mit den Jahren das Kreative irgendwie verloren geht. Je älter wir werden, umso weniger trauen wir uns. Man muss diese Fä­higkeiten immer wieder trainieren, um sie zu behalten. Es ist auch eine wesentliche Erfahrung, wenn man sieht, dass derart spielerisches Ver­halten ok ist. Es ist nicht verboten – man darf es machen.

>>> Spielen wir als Erwachsene noch genug?


Sicher viel zu wenig. Ich merke in meinen Kursen mit Erwachsenen, wie sehr sie es vermissen, weil sie es in ihrem Alltag vermutlich nicht mehr ausleben kön­nen. Viele Teilnehmer mussten sehr viel Mut aufbringen, über ihren eigenen Schatten springen, um sich nach all den Jahren wieder für einen Theaterkurs anzumelden. Dafür kann ich oft beobachten, wie gut es ihnen tut. Sie blühen auf, sie werden viel lebendiger. Auf einmal können sie wieder sie selbst sein, das was sie eigentlich sind, ausleben. Oft müssen sie mit Normen brechen. Das Leben ist manchmal sehr reglementiert, der Freiraum für spontanes Ausle­ben der Kreativität im Alltag sehr einge­schränkt. Beim Spielen, auf der Bühne kann man, soll man mit Normen, Regeln brechen.

>>> Was sollten wir uns von den Kindern abschauen?


Die Fähigkeit, im Moment zu leben. Das ist die stärkste Gabe, die sie haben. Und wir Erwachsene tun uns häufig schwer damit. Wir sollten öfters nicht an gestern, morgen oder übermorgen denken, sondern im Moment handeln.

>>>Du bist selber zweifache Mutter. Wie ist Deine Sicht auf die Erziehung?


(Lachen) Erziehen ist wahrscheinlich eine permanente Überforderung. Es geht darum ständig neue Wege zu finden und dann wieder zu ver­werfen, Richtlinien, denen man folgen möchte, die dann aber nicht so funktionieren, darf man fallen lassen, um wieder nach Neuem zu suchen. Erziehung hat viel mit dem Wach­sen- und Seinlassen zu tun, vor allem wenn Kinder klein sind. In der Pubertät ändert sich vieles. Dann funktioniert einiges nicht mehr. Ich bin noch dabei herauszufinden, was funktioniert….


Erziehung heißt, sich Zeit zu nehmen, zuzuhören, ohne zu beurteilen. So­bald man nicht ganz bei der Sache ist, ist man auf verlorenem Posten. Das merken die Kinder so­fort, nehmen dich dann nicht mehr ernst, weil du ja auch für sie nicht wirklich da bist.


Fertige Erziehungskonzepte, die ohne Widerrede umgesetzt werden, sind mir suspekt. Ich habe oft das Gefühl, dass Menschen durch sehr starre Erziehungsregeln und Vorgaben dazu verleitet werden, ihre eigene Verantwortung abzulegen. Deshalb mag ich die Bücher von Jesper Juul.


Viele Autoren von Er­ziehungsratgebern haben „den“ pas­senden Weg für sich entdeckt – das ist gut so. Aber wenn die Ideen als absolut weiter gegeben werden, sind sie falsch. Da kann selbst das Beste falsch sein.

>>> Was möchtest Du uns Eltern mit auf den Weg geben?


Den Satz: „Ihr seid nicht allein!“

Wir glauben oft, alles unter einen Hut bringen zu müssen, perfekt sein zu müssen, obwohl im Alltag vieles drunter und drüber geht, und man sich Situationen nicht gewachsen fühlt. Wir stellen uns vor, allen anderen gehe es besser damit. Diese Herausforderung für Eltern - Kinder/Arbeit/Beziehung - ist etwas, was sehr überfordern kann, vor allem da wir das alles mit einem sehr hohen Anspruch schaffen wollen.


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