Als Elternteil muss man kein Animateur sein

10/27/2012 11:30:00 nachm.

Im Gespräch: Heidi Stadlhofer über Kunst, Kinder und Kreativität

Mittwoch, 29. September 2011

Kreativität hat viel mit Sinnhaftigkeit zu tun“, diese Meinung vertritt die in Wien arbeitende Kunsttherapeutin und Kinderpädagogin, Heidi Stadlhofer. Für sie persönlich bedeutet Kreativität das Schöpferische, das Lebendige, das Bunte in ihrem Leben. Sie sieht in Kreativität allerdings auch einen Prozess, der durchaus anstrengend sein kann. 

Für Heidi ist es ausserdem wichtig, die Autonomie und Selbständigkeit der Kinder zu fördern. In ihrem Atelier Kreativität-Stadlhofer bietet Heidi Kunsttherapie aber auch Malkurse für Kinder, Jugendliche und Erwachsene an. Und hier fand in einer netten Atmosphäre auch unser Gespräch statt. 
Weitere Informationen: www.kreativitaet-stadlhofer.at oder: office@kreativitaet-stadlhofer.at


>>> Was bedeutet Kreativität für dich?


Für mich ist Kreativität das, was mich in meinem Leben ausmacht. Es stellt für mich die Möglichkeit dar, meinem We­sen entsprechend handeln zu können, schaffen zu können, schöpferisch sein zu können. Ich fühle mich lebendig, ich spüre in mir Farbe, Buntheit und Fröhlichkeit. Ich habe das Gefühl, dass das, was ich mache, einen Sinn hat.

Kreativität kommt vom lateinischen Wort creare, und bedeutet etwas werden und wachsen lassen. Es ist ein Prozess und der kann manchmal anstrengend sein, er kann mühsam sein, doch am Ende stellt sich große Zufriedenheit ein. Das alles zusammen heißt für mich Kreativität.


>>> Welche Rolle spielt Kreativität in deinem privaten Leben?


Obwohl ich Kunsttherapeutin bin, hat Kreativität für mich in meinem Leben nicht nur mit Malen und Formen zu tun. Für mich bedeutet es, stets am Puls meiner eigenen Person zu sein, mit meinem Innersten in Kontakt zu sein, zu wissen, was mich beschäftigt. Für mich geht es in der Kreativität um die Art und Weise, wie man das Leben gestaltet. Das Malen und Formen ist eine Ausdrucksform, um Kreativität zu erleben.


>>> Hier im Atelier bietest du Malen und Formen für Kinder und Erwachsene an. Was erwartet deine Klienten hier?


Die Menschen kommen zu mir ins Atelier und bekommen Raum und Zeit. Die Fragen „Wie geht es mir, wie bin ich da, was beschäftigt mich? sind hier wichtig. „Was möchte ich zum Ausdruck kommen lassen?“


>>> Raum und Zeit sind in heutiger Zeit oft Mangelware. Bei Dir spielen sie eine zentralle Rolle, ist das so?


Dieses Etwas werden lassen führt nicht immer schnell zu einem Resultat. Hier darf es entstehen in der Zeit, die es braucht. Und das ist etwas ganz Entscheidendes in meinen Räumen. Entstehen lassen ohne Druck von Außen. Es braucht gute Elternarbeit, um die häufigste Frage von Eltern zu vermeiden: „Was hast du denn heute gemacht?“

Es ist wichtig, den Eltern zu vermitteln, dass die Kunstwerke nicht sofort von anderen angeschaut und bewertet wer­den können. Hier können die Kinder in eine andere Welt eintauchen, in der Resultate, Ergebnisse und Schnelligkeit keine beziehungsweise eine andere Rolle spielen.


>>> Bei dir ist es also auch mal erlaubt, keine herzeigbare Leistung zu vollbringen?


Ja. Die Kinder empfinden die Zeit hier im Atelier als wertvoll, wenn sie sich als ganzer Mensch einbringen können. Es geht ganz stark um das Gefühl: „Es geht mir hier gut, ich fühle mich wohl hier, ich habe einen guten Platz. Ich werde so ange­nommen, wie ich bin. So wie ich bin, ist es in Ordnung. Meine Gedanken bekommen hier eine Aufmerksam­keit“ Nur so kann sich das Kind in seiner Ganzheit spüren. Und das macht meine Arbeit mit Kindern und Jugendlichen so wertvoll.


>>> Sind Kinder kreativ?


Ja – jeder Mensch ist kreativ. Das ist angelegt. Sobald man auf die Welt kommt, ist diese Lebenskraft da. Die Kinder sind neugierig und schauen: „Aha, da sind Nägel, da sind Farben. Da sind Pinsel...“ Sie werden von dem Material berührt. Sie nehmen wahr, sie spüren. In dem Moment, wenn sich ein Kind berühren lässt von dem, was da ist – dann ist das die erste Form des Kreativseins.


>>> Wie laufen deine Kurse ab?


Ich lasse die Kinder erst einmal hereinkommen. Ich begrüße sie nicht mit dem Satz: „Schau, komm, jetzt machen wir das und das.“ Ich lasse sie in aller Ruhe hereinkommen, ankommen... das ist für den Anfang etwas ganz Entscheidendes. Die Türen sind alle weit offen. Da gibt es eine ganz wichtige Regel. Die Er­wachsenen dürfen nicht mit in das Atelier rein. Wenn ein Kind noch unsicher ist, dann sitzen die Eltern im Warteraum. Das Kind kann sich dann jedes Mal vergewissern, dass die Mama oder der Papa noch da ist.

Die ersten Stunden sind immer ein bisschen unruhiger, weil die Kinder am liebsten alles auf einmal auspro­bieren möchten. Ich vermittle ihnen, dass sie ganz viel Zeit haben, das alles auszupro­bieren.

Der Malraum ist ein wichtiger Raum, weil Kinder hier die Technik erlernen, wie sie die Farben mit dem Pinsel benutzen. Ich arbeite mit dem Malspiel nach Arno Stern, und die Kinder sind von den Farben sehr angetan. Das zweite Material, das die Kinder kennen lernen, ist Ton. Erst nach einigen Stunden ent­wickeln die Kinder eine gesteigerte innere Ordnung und Ausdauer, um etwas Komplizierteres, Schwierige­res zu machen und schaffen es, bereits mehrere Stunden dran zu bleiben. Das ist am Anfang häufig gar nicht möglich.

Manchmal kommt ein Kind, bei dem ich spüre, dass es sehr stark mit einem Thema beschäftigt ist. Seine Kreativität ist im Moment blockiert, aber trotzdem kommt es wahnsinnig gern ins Atelier. Es kann sein, dass es stundenlang nur mit dem Ton arbeitet. Genau das ist es – es ent­steht nichts Herzeigbares, dieses Kind „arbeitet“ nur – nämlich an sich selbst. Es muss sich von etwas be­freien. Ton ist ein gutes Material, um Spannungen abzubauen.

In einer solchen Situation kann das Kind vertieft und ganz bei sich sein. Ich sehe es als meine Aufgabe jedes Kind in seiner Eigenart zu fördern.


>>> Woran erkennst du die Erfolge bei deiner Arbeit mit den Kindern?


Es ist ein Fortschritt für mich, wenn ich merke, ein Kind geht jetzt hier in diesem Kurs seinen eigenen Weg. Das ist oft erst nach einem halben Jahr der Fall. Wenn ich spüre, dass das Kind es in dieser Gruppe schafft, soweit autonom zu werden, dann ist es für mich ein Erfolg. Es ist für mich wichtig die Autonomie bei jedem einzelnen Kind zu fördern.


>>> Das ist eine große Leistung von dir, die aber relativ unsichtbar bleibt im Vergleich zu einer großen Mappe, die das Kind am Ende des Jahres mit nach Hause nehmen darf.

Ich freue mich natürlich, wenn die Kinder sehr gern hierher kommen, aber es ist diese Autonomie von Lob und Kritik, wenn sich Kinder trotz einem gewissen Druck nicht von ihrem eigenen Vorhaben abbringen lassen, was sehr wertvoll für mich ist. Unter Umständen können Kinder diese Stärke anschließend mit in den Alltag nehmen.


>>> Welche Grundsätze bestimmen deine Arbeit mit Kindern?


Klares Setting und klare Regeln sind ganz wichtig. Ich richte den Kindern den Arbeitsplatz nicht her, sondern ich begleite sie, in dem sie selber tun können. Ich lasse das Kind sehr intuitiv entscheiden, wie es das Blatt aufhängen will. Dieses Selbertun gibt den Kindern ganz viel Sicherheit und Überschaubarkeit.

Eine weitere Regel ist auch, dass die Arbeiten bis zum Schluss da bleiben und erst am Ende des Kurses mitge­geben werden. Und die Eltern dürfen nicht hineinkommen, um zu schauen, was das Kind heute ge­macht hat. Ich gebe auch unmittelbar nach einer Malstunde keine Aus­künfte den Eltern.


>>> Hören wir als Erwachsene auf kreativ zu sein?


Ich glaube, dass manche Erwach-sene manchmal das Gefühl haben, dass ihnen die Art von Lebendigkeit fehlt, die sie damals als Kinder oft gefühlt haben. Für viele Menschen ist dies der Anlass, sich wieder ge­zielt zum Kurs anzumelden oder eine Selbsterfahrung in meinem Atelier zu machen.

Die Kreativität an sich geht nie verlo­ren. Aber oftmals wird sie im Laufe des Lebens zugeschüttet bzw. überlagert. Als Erwachsene haben wir oft viele Verpflichtungen, wir müssen funktionieren und befinden uns in einem gewissen System. Wir stellen eigene Bedürfnisse immer mehr zurück bis wir uns irgendwann ausgebrannt und müde fühlen.


>>> Zu wenig Zeit, zu wenig Raum und zu viel Leistungsdruck schaden also unserer Kreativität?


Manche Menschen erkennen es dann, wenn sie an eine gewisse Grenze anstoßen. Ihr Leidensdruck ist inzwischen so groß, dass sie sa­gen: „Ich möchte wieder mehr Zeit haben, um mich zu spüren.“ Da geht es selten darum, ein Künstler zu sein, eher darum, sich zu spüren – wieder wahrzunehmen wer ich bin und was mich ausmacht.


>>>Freunde in der Gruppe auf die Kreativität des Kindes?


Einen elementaren. Die Gruppe be­fruchtet sich ständig gegenseitig. Das soll so sein und das darf so sein. Unlängst haben wir es sogar innerhalb der Gruppe thematisiert.

Ein Kind hat angefangen mit Holz­stöcken einen Rahmen zu machen, die Stöcke mit Schnüren zu verbin­den. Sein Freund hat das beobachtet und wollte es auch machen. Nur ist der aber zwei Jahre jünger und hat das technisch noch nicht geschafft. Seine Vorstellung war in der Kon­struktion ganz kompliziert, aber seine Fertigkeiten haben entwick­lungsmäßig solche Umsetzung noch nicht erlaubt. Hier stellt sich dann die Frage, wie schafft er es selbständig für sich zu arbeiten, ohne überfordert zu sein.

Es liegt in einem solchen Fall an mir, dem Kind zu vermitteln, dass es sich Zeit nehmen darf, mit dem Material spielen kann, ausprobieren, was möglich ist. Es ist nicht dringend notwendig, dass etwas entstehen muss. Das Spielen mit dem Material ist etwas ganz Wesentliches.

Dieser Bub hat dann irgendwann nach einer halben Stunde gesagt, er möchte jetzt einen Pfeil machen. Er hat die Stöcke mit der Wolle verbun­den. Er fing an die Stöcke mit der Wolle zu umwickeln, denn das konnte er komplett allein. Er zeigte eine große Ausdauer. Und es war anstrengend, aber er schaffte das – es wurde ein Pfeil. Witzigerweise geht es bei diesem Buben gerade ganz aktuell um Orientierung und Platzfinden.


>>> Dieser Bub hat sich von dem Material und der Verarbeitung, die er beobachtet hat, inspirieren lassen. Er schuf damit etwas Eigenes, ver­stehe ich das richtig?


Ja, diese Symbolik ist immer auch im Zusammenhang damit zu sehen, wo das Kind gerade im Leben steht. Wir verleihen dem Inneren in uns oft auf eine spielerische Art und Weise den Ausdruck. Deshalb ist es auch sehr wichtig, den Kindern Raum und Zeit zu geben.

In dieser Gruppe gab es dann noch ein Mädchen, das auch angefangen hat, mit den Stöcken zu arbeiten. Und auf einmal sagt einer: „Heute machen wir alle das gleiche.“ Und dann ergänzt er: „Aber im Grunde genommen arbeiten wir alle mit glei­chem Material, doch schaut es bei jedem anders aus.“ Und das ist der Punkt.


>>>Die Idee wird also von der Gruppe aufgegriffen und weiter entwickelt.


Die Eigendynamik in der Gruppe ist sehr wichtig. Die Kinder fördern sich, stärken sich und bereichern sich gegenseitig. Da geht es nicht um Nachmalen und Imitieren, sondern eigentlich um Orientierung und An­regung.

Ich bin dann diejenige, die den Ge­samtrahmen hält. Ich passe auf, dass keine Störungen stattfinden und dass keines der Kinder anfängt zu bewerten.


>>> Wie ist deine Sicht auf Erziehung?


Wenn man sich als Erwachsener dazu entscheidet, ein Kind zu be­kommen, dann bedeutet es auch ein gewisses Abenteuer. Die Frage, die sich hier stellt, ist: „Wer ist dieser Mensch? Wie kann ich ihn auf seinem Lebensweg seinem Wesen entsprechend begleiten?“Und dann kann man alle Vorsätze, alle Wün­sche, Vorstellungen ruhig bei Seite schieben und schauen, wie man dieses Kind auf seinem Lebensweg begleiten kann. Ich denke, es ist für die meisten El­tern die größte Herausforderung, das Kind als einen eigenständigen Men­schen zu sehen.

Erziehung ganz pragmatisch im All­tag kann aber auch sein, dem Kind Grenzen zu setzen, ihm klare Strukturen zu geben. Innerhalb sol­cher Strukturen kann sich das Kind dann sehr frei bewegen.


>>> Was brauchen Kinder heutzu­tage?


Erst einmal eine liebevolle und res­pektvolle Beziehung mit den Eltern, die es schaffen, ihr Kind als eigen­ständigen Menschen zu sehen. Je­des Kind hat das Recht auf Eltern, die es lieben. Außerdem ist es wich­tig, dass Kinder die Welt mit allen Sinnen begreifen können und dürfen.


>>> Wovon haben Kinder in heuti­ger Zeit zu viel?


Das ist immer so eine Frage, ob zu viel – oder zu wenig. Manchmal gibt es einen Überfluss an Materiellem und ein zu viel an Überförderung.


>>> Welchen Rat würdest du Eltern geben, wenn es um Kreativität geht?


Mein erster Rat ist, Kinder tun lassen – ihnen Raum und Zeit zu geben, um mit den Materialien experimentieren und sich spüren zu können. Eltern können sich überlegen, wie sie es in ihren eigenen Wohnräumen schaffen, einen Platz den Kindern zur Verfügung zu stellen, in dem nicht so auf Sauberkeit geachtet werden muss.

Das zweite ist, dass ich den Eltern anbiete zu mir in eine Selbster­fahrungsgruppe zu kommen, wo sie am eigenen Leib erfahren können, wie es ist, kreativ zu sein und wie störend es sein kann, wenn jemand sagt: „Bist du schon fertig?“


>>> Wodurch können Eltern die Kreativität der Kinder im Alltag fördern?


Wie gesagt, das Tun lassen, Raum geben ist wichtig. Zur Förderung der Kreativität gehört auch die Bewe­gung und die Möglichkeit viel in der Natur zu sein. Die Kinder entdecken Stöcke, Blätter, sie zeichnen in die Erde und hinterlassen Spuren. Das ist aus meiner Sicht mehr wert als mit dem Kind eine Ausstellung zu besuchen.

Es ist ebenso eine tolle Erfahrung, wenn man sich mit einem 2-3jährigen Kind zu Hause an einen Tisch setzt. Das Kind darf dann mit einem Kugelschreiber auf einem Kopierpapier kritzeln. Und der Er­wachsene kann mit Freude die ersten Spuren seines Kindes be­obachten. So kann man anfangen.


>>> Du ratest also dazu, einfach dabei zu sein und sich die Zeit für das Kind zu nehmen. Man muss nicht unbedingt aktiv sein?


Nicht vorzeigen oder vorzeichnen. Und auch nichts Kompliziertes ma­chen. Dann fallen die Kinder auto­matisch in die Rolle des Unbeholfe­nen und Unselbständigen. Oft wird es den Kindern vorgelebt. Die Eltern sagen in guter Absicht zum Kind: „Schau, wir machen’s gemeinsam!“. 90 % der Arbeit macht dann der Elternteil und 10% das Kind. Dem Kind wird aber vermittelt: „Das hast jetzt DU gemacht!“ Manchmal ist es schön, gezielt etwas gemeinsam zu machen, aber im Alltag ist es wichtig, dem Kind Raum und Zeit zu geben. Papier, Buntstifte, Schere und das Kind „machen“ lassen.


Man kann genauso leere Schachteln zur Verfügung stellen, Klebeband usw. Und das schönste für Eltern ist, zu sitzen und zu beobachten, was entsteht. Als Elternteil muss ich nicht der Animateur sein.

Ein wesentlicher Tipp für Eltern ist es, eine Fotomappe anzulegen. Es hat sich bewährt, mit dem Kind einen Kompromiss zu schließen: „Schau, ich mache jetzt ein Foto, von dem was du gemacht hast, aber dann geben wir es weg.“ Irgendwann quillt sonst die Wohnung über mit den ganzen Bastelsachen.


>>> Was möchtest du zum Schluss sagen?


Es gibt ein Gedicht von Loris Malaguzzi, das ich gerne mag. In diesem Gedicht heißt es: „Ein Kind hat hundert Sprachen, hundert Hände, hundert Gedanken…“ Diese Zeilen bringen für mich die Vielfalt zum Ausdruck. Man muss selber die Sensibilität entwickeln, um zu er­kennen, welchen Weg dieses Kind geht. Und auf seinem Weg kann ich es dann begleiten. (>>> Loris Malaguzzi: Die hundert Sprachen der Kinder)

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