Kinder dursten nach Selbertun

10/23/2012 12:06:00 nachm.

Im Gespräch: Dr. Emmanuelle Bidaud über Naturwissenschaften, Kinder, Lernen und Kreativität


Mittwoch, 14. September 2011

„Meine Inspirationsquelle sind Kinder, wenn sie staunen“, sagt die in Wien lebende Materialwissenschaftlerin und Trainerin, Dr. Emmanuelle Bidaud.

Sie selbst ist zweifache Mutter und versteht es, Kinder mit viel Spaß und Enthusiasmus für ihre Themen zu begeistern. Für Emmanuelle selber ist die Arbeit mit den Kindern ein Abenteuer: „Ich entdecke jede Stunde gemeinsam mit den Kindern irgendetwas Neues, es kommen mir Ideen für neue Experimente. Und das macht viel Spaß.“

In Wien bietet Emmanuelle Science –Lab Kurse, in denen Kinder in Kleingruppen experimentieren und zahlreiche Themen der Chemie, Physik, Biologie etc. erforschen können.

Weitere Informationen: www.science-lab.at oder: emmanuelle.bidaud@science-lab.at

>>> Was verstehst Du unter dem Begriff Kreativität?

Kreativität ist ein großer Begriff. Es bedeutet für mich die Umsetzung einer Vorstellungskraft, die unbegrenzt sein kann. Das kann auf vielfältiger Weise geschehen. Was ich besonders mag, ist eine Form, die für alle zugänglich ist.

>>> Welche Rolle spielt Kreativität in Deinem persönlichen Leben?

Eine sehr große. Ich bin ein kreativer Mensch und ich muss ehrlich sagen – in den Naturwissenschaften, so wie ich sie auf der Uni kennengelernt habe – ist wenig Platz für Kreativität. Man lernt zu wiederholen, was die alten Meister gemacht haben. Und da ist kein Raum, keine Zeit für Kreativität. Meine Arbeit mit den Kindern lässt dagegen sehr viel Platz für Kreativität – für meine, aber auch die meiner Kunden und Kundinnen. Kinder sind sehr kreativ, wenn man sie lässt.
Ich brauche Kreativität. Wenn ich Zeitlang nichts zum Ausdruck bringe, habe ich das Gefühl, dass sich alles bei mir staut – dann werde ich sehr unausgeglichen.

>>> Viele Eltern fragen sich, wie sie ihre Kinder zu Hause zum Lernen motivieren können. In deinen Kursen passiert es mehr oder weniger spontan. Kinder entdecken Naturwissenschaften und es scheint ihnen Spaß zu machen.

Kinder sind nicht zum Lernen zu bringen. Kinder lernen (Punkt). Sie beobachten, sie spielen, sie stolpern und stehen wieder auf, wenn man sie lässt. So ist es auch in meinen Kursen. Ich frage, die Kinder antworten. Jede Antwort wird angenommen. Mit meiner Frage hole ich die Kinder mit ihrem Wissen dort ab, wo sie gerade stehen. Ihr Wissen vernetzt sich, sie entdecken gemeinsam neue Horizonte und neue Aspekt. Das geschieht (selbst)verständlich. Mein Wissen bringe ich kaum ein, weil der Mittelpunkt immer das Wissen der Kinder sein sollte.

>>> Kinder, die zu deinen Kursen kommen, wollen etwas erfahren. Haben Fragen. Was passiert dann?

Es kommen Kinder, die sich für das gerade angebotene Thema interessieren. Zum Beispiel bei einem Workshop zum Thema Wasser wollen Kinder plantschen, matschen – sie experimentieren mit dem Element. Und solange sich Kinder in dieses Thema vertiefen, kommen auch viele Fragen. So erkenne ich, dass Kinder begreifen wollen. Und meine Aufgabe ist es, sie zu unterstützen, ihre eigenen Antworten auf die Fragen zu finden.


>>> Du präsentierst folglich Dein Wissen nicht im Sinne von „Wasser ist H2O“.


Solche Begriffe verwende ich gar nicht. Das ist für Kinder unverständlich und somit irrelevant. Wenn ich so etwas sage, sind die Kinder dann gleich aus dem Thema und schauen mich an, als würde ich vom Mars kommen. Es ist sofort ein Bruch da. Für jede Stunde habe ich eine Choreografie. Ich gestalte einen Weg bis zu einem Ziel, welchen die Kinder jedoch nicht erreichen müssen. Öfters geht es in andere Richtungen. Ich muss flexibel sein, auf die Kinder reagieren und wenn nötig, umgestalten. Entfernt sich eine Gruppe weit vom Thema, sind die Kinder zerstreut – so muss ich die ganze Gruppe wieder zurückbringen, damit sie sich nicht verlieren.


>>> Warum sind Kinder mit einer solchen Begeisterung dabei?


Die Kinder dursten nach Selbertun. Und sie benötigen Eigenverantwortung. Beides finden sie in meinen Kursen. Es gibt Regeln, wo ich sehr streng bin. Alle sind für die Sicherheit der Kinder da. Innerhalb dieser Regeln können dann Kinder eigenverantwortlich handeln – jedes Kind macht die Experimente selbständig. Kinder genießen das unbewertete und freie Mitmachen sowie die Möglichkeit, Materialien anzufassen – mit Händen, mit Augen, mit Nase und allen Sinnen erforschen.


>>> Ist die Kreativität Deiner Ansicht nach erlernbar?


Nein. ich glaube, jeder Mensch hat am Anfang ein unglaubliches Potenzial an Schöpferischem. Durch die Sozialisierung ist es notwendig, sich in diesem Punkt an Grenzen zu halten, damit wir gemeinsam leben können. Kreativität ist aber eine Übungssache. Wenn man sie nicht in irgendeiner Form übt, dann ist sie irgendwo im Körper eingesperrt und blockiert. Wenn man allerdings Kreativität hin und wieder zum Vorschein kommen lässt, dann entfaltet sie sich wieder, weiter oder nimmt neue Formen an.

>>> Welche Bedingungen brauchen Kinder, um ihre Kreativität zu entwickeln?


Oft ist es eine klare Struktur. Die Kinder müssen die geltenden Regeln und Grenzen auch verstehen. In meinen Kursen bin ich es, die diese Struktur vorgibt. Wenn alle die Regeln kennengelernt haben, dann ist Freilauf für die kindliche Kreativität.

>>> Du setzt Grenzen, schaffst also einen Rahmen, in dem sich Kinder frei bewegen können – ist dieser sicherer Rahmen deiner Ansicht nach die Bedingung dafür, dass die Kreativität der Kinder sich frei entfalten kann?


Für mich schon. In meiner Welt ist sonst ohne diese starke Struktur ein zerstörerisches Chaos. Und in dem hat Kreativität kein Platz.


>>> Wie viel Anleitung brauchen die Kinder zum Experimentieren?


Ich gebe keine Anleitung. Wenn ich es versuche, dann streiken alle Kinder. So ein kleines Hoppala ist mir 2-3mal passiert. Alle Kinder haben sofort gestoppt und haben mich komisch angeschaut.

Wir reden zunächst viel über das aktuelles Thema. Ich frage und lasse die Kinder reden bis etwas in der Art kommt, wie: „Wann machen wir endlich was?“. Ich stelle dann das Material zur Verfügung und die Kinder experimentieren selbstverständlich und selbstsicher (weil wir auch vorher sehr viel darüber geredet haben). Und auf einmal sind alle Kinder voll im Geschehen und dann passiert auch irrsinnig viel. So viele lachen und es ist eine Explosion an Freude und auch an Kreativität. Da geschieht einiges.


>>> Wie ist Deine persönliche Sicht auf Erziehung?


Das Wort mag ich überhaupt nicht – das ist erZIEHUNG. Und ziehen ist für mich schwer. Ich mag lieber „Begleitung“. Ich versuche meine zwei eigenen Kinder mit meiner persönlichen Erfahrung – meiner 40jährigen Erfahrung – darauf aufmerksam zu machen, wo es gefährlich ist und wo es nicht gefährlich ist. Und was sie daraus machen ist ihre eigene Sache. Manchmal ist es für meine mütterlichen Gefühle ein sehr schmerzhafter Prozess. Dieses erZIEHEN ist für mich so eine Sache, also Kinder mit meiner eigenen Vorstellung so großzuziehen, dass sie praktisch eine Kopie von mir sind, wenn sie erwachsen sind – das will ich nicht unbedingt. Ein Kind zu begleiten bedeutet für mich eher: „Ich zeige dir einen Weg, weil ich ihn gut kenne, ob Du ihn nimmst, ist deine Wahl. Solltest du einen anderen Weg gehen, dann begleite ich dich und wir schauen uns dein Abenteuer an.“


>>> Du begleitest Kinder auch in Deinen Kursen. Woran erkennst Du Deinen Erfolg?


Jedes Kind ist natürlich unterschiedlich. Es gibt immer – bei jeder Gruppe, die ich bis jetzt begleitet habe, ein bis zwei Kinder, die sich zurückziehen, die mehr visuell orientiert sind und weniger angreifen wollen. Und die sitzen oft einfach da. Am Anfang war ich ein wenig skeptisch. Dann habe ich gemerkt, dass sie es so brauchen. Diese Kinder wollen zuerst einmal schauen. Ein Erfolg ist es dann, wenn sie den Mut finden und selber Sachen ausprobieren, ohne sich auf andere zu verlassen. Es gibt in jeder Gruppe ebenso ein paar Kinder, die die Führung übernehmen und vielleicht andere dadurch etwas bedrücken, ohne es zu merken. In die andere Richtung ist es also für mich dann ein Erfolg, wenn ich es schaffe, das Kind so anzunehmen, wie es ist. Und gleichzeitig aber auch ein solches Kind, das viel Raum, Platz und Aufmerksamkeit braucht, es schafft, mehr Rücksicht auf andere zu nehmen.


>>> Wenn Eltern ihren Kindern im Alltag diese Begeisterung am Entdecken näher bringen möchten, reicht es wenn sie ihnen Materialien zur Verfügung stellen?


Ja und Nein. Ja, weil Kinder es immer probieren ihre Vorstellungen umzusetzen – es reichen Papier, Schere, Schnur, Mistkübel – Alltagsgegenstände in der Nähe. Sie nehmen schon zwei Papiere, kleben sie zusammen und schauen, was das Papier kann, was sie damit tun können – auch das ist schon experimentieren.

In meinen Kursen geht es um mehr. Ich zeige Kindern zusätzlich, wie man im naturwissenschaftlichen Bereich bei Experimenten vorgeht. Das heißt – man stellt sich eine Frage, man hat verschiedene Annahmen. Durch Experimentieren findet man dann zu einer oder zu mehreren Antworten, die wiederum andere Fragen hervorrufen. Und so läuft jedes Experiment ab. Die Kinder in meinen Kursen lernen diesen Prozess. Das können sie dann auch in anderen Bereichen umsetzen – zum Beispiel in Geisteswissenschaften oder in der Kunst.

Ich hole das Wissen der Kinder mit einer Frage – und die kann auch etwas daneben klingen. Ich frage zum Beispiel: Kann man ein Flugzeug mit Wasser bauen? Erwachsene, die Kinder zu Kursen begleiten, schauen mich dann oft ganz komisch an. Und Kinder antworten: „Natürlich nicht!“ Und dann kann ich weiter fragen: „Wieso nicht?“ Und so fängt ein Forschungsprozess in den Kursen an.


>>> Es lohnt sich also manchmal auch dumme Fragen zu stellen?


Ja, natürlich. Und die Kinder lieben so etwas. Besonders lieben sie auch, wenn ich bei Experimenten sage: „Das ist das erste Mal, dass ich so etwas sehe“.


>>> Welche Literatur würdest Du denn Kindern empfehlen?


Ich habe lange gesucht, aber nichts gefunden. Es gibt zwar sehr viele Bücher über Experimente. Meisten sind sie aber zu kompliziert und Kinder können so etwas nicht alleine machen.

In guten Büchern sollte auf einer Seite das Material dargestellt sein, welches die Kinder brauchen und das Endprodukt. Und auf der anderen Seite sollte man eine kurze ganz simple Erklärung finden, was passiert und wieso. Und bei den Materialien sollte es sich um Alltagsgegenstände handeln. Damit ist der Reiz sehr groß: sie können selber tun und alles ist vorhanden.


>>> Ab welchem Alter können Kinder Deine Kurse besuchen?


Ich biete meine Kurse für Kinder ab vier Jahren an. Das ist dieses Alter, in dem Kinder mit den Warum-Fragen anfangen. Ich habe aber schon dreijährige Kinder in meinen Kursen gehabt, die so weit waren. Sobald ein Kind mit Fragen wie „Warum ist der Himmel blau?“ oder „Warum fährt der Bagger so langsam?“ anfängt, ist der richtige Zeitpunkt für das Kind gekommen. In diesem Alter sind auch die motorischen Fähigkeiten da, die Kinder zum Experimentieren brauchen.

>>> Was würdest Du gerne den Eltern mit auf den Weg geben?


Ich wünsche vielen Eltern, dass sie sich auf ihre Kinder einlassen und mit ihnen gemeinsam für etwas begeistern können.

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