Ängstliche Bücherwelten

3/20/2012 01:54:00 nachm.


Ich klappe das Buch zu. Meine sechsjährige Tochter schlummert friedlich in ihrem Bettchen, während mein (achtjähriger!) Sohn mit weit geöffneten Augen vor sich hinstarrt. Nach einer kurzen Weile fragt er, ob ich wohl noch bei ihm im Zimmer bleiben kann, bis er eingeschlafen ist. Ich bin erleichtert, denn die Vorstellung, gerade jetzt alleine in mein Zimmer zu gehen, erscheint mir nicht so verlockend.

Vor ein paar Wochen habe ich bei meinen Eltern auf dem Dachboden dieses fast schon vergessene Buch gefunden. Meine Großmutter hat mir daraus oft vorgelesen. Es ist ein Märchenbuch von dem tschechischen Schriftsteller K. J. Erben. Es ist aufwendig verziert mit vielen bunten Bildern, die ich als Kind so gern geschaut habe und die ich als Erwachsene mit den Illustrationen in den heutigen Büchern vergleiche, um sie noch mehr zu bewundern. Die Sprache klingt zwar zum Teil angestaubt, aber sie hat einen gewissen Zauber inne. Und doch – reißende Wölfe, wütende Menge, die Menschen verstoßt und zum Tode kommen lässt, Väter, die ihre Kinder einmauern und verhungern lassen. Das alles erwartet man sich nicht von Märchen, diese Momente, die im deutschsprachigen Raum den Gebrüdern Grimm auch nicht fremd waren, schockieren, erschrecken, machen nachdenklich. 

Und obwohl es Themen sind, denen man heutzutage immer noch beim Zeitungsdurchblättern begegnet, komme ich doch nicht umher, mich zu fragen: Kann man im 21. Jahrhundert noch getrost die alten Märchen den Kindern vorlesen und darauf hoffen, sie würden damit schon umgehen können? Oder gehören diese, samt ihrer schönen Sprache, der Geschichte an, genauso wie manche Erziehungstechniken, von denen man heute nicht einmal zu sprechen wagt? 

 
Vorlesen ist vor allem gemeinsame Zeit in einer vertrauensvollen Atmosphäre
 
Das Vorlesen wird heute gerne als die Vorstufe zum Lesen gesehen, etwas, das man braucht um die Kinder in ihrer späteren Lesekompetenz zu fördern. Dabei übersieht man ein wenig die Vorteile des Vorlesens für Kinder (und Eltern) im Hier und Jetzt. 

Das Lesen und Erzählen von Geschichten, das gemeinsame anschauen von Bilderbüchern gehören im Leben eines Kindes bis in das Schulalter hinein zu wichtigen Augenblicken im Alltag. Wer erinnert sich denn nicht gerne an die Nähe und Geborgenheit, die man dabei verspürt hat, während man sich gemeinsam mit einer geliebten Person einem Thema hingeben konnte. Man konnte Fragen stellen, die Phantasie spielen lassen und trotzdem hat die beruhigende Nähe und Sicherheit, Trost gespendet und Mut gemacht. Es war klar, dass egal was in der Geschichte geschieht, mir nichts passieren kann. 

Je nach dem Alter des Kindes ist es gar nicht so leicht, die ganze Zeit ruhig zu sitzen, zuzuhören und beim Thema zu bleiben. Manchen Kindern gelingt es anfangs nur kurz bzw. nur dann, wenn die Stimme der vorlesenden Person nicht zu monoton klingt. Um also auch diese Vorteile zu erwähnen – ganz nebenbei wird beim Vorlesen die Konzentrationsfähigkeit der Kinder verbessert und das Durchhaltevermögen trainiert. Mehr noch – Märchen schaffen Gesprächsbasis. 

Märchen vermitteln Werte

In seinem Buch „Kinder lieben Märchen …und entdecken Werte“ gehen der deutsche Schauspieler Rufus Beck und die Psychologin Elke Leger darauf ein, dass Geschichten sich dazu eignen, unsere Anschauung, Werte und Weltsicht den Kindern begreifbar zu machen. Das Vorlesen wird so zum Teil der Werteerziehung.

Reflexion über das Gelesene ist untrennbar mit dem Lesen verbunden. So haben auch Kinder oft Fragen zu dem, was sie gehört haben. Mit den Fragen nach dem wie, warum, weshalb kann man eine Auseinandersetzung mit dem Thema weiter anregen und ein Gespräch auf der Augenhöhe mit den Kindern führen. Auf die Frage, „wieso das tapfere Schneiderlein auf einmal so mutig war“, können Kinder unter Umständen viel interessanter antworten als wir Erwachsene. 

Dennoch muss nicht jede Geschichte und jede gemeinsame Vorlesestunde einen Gesprächsstoff bieten. Manchmal kann einfach nur die gemeinsame Zeit und Nähe genossen werden, ohne das, was man mit dem Buch erlebt hat, sofort in eine erfolgreiche Lernsituation zu verwandeln.

Kinder können gemeinsam mit dem Helden ihre Fantasien ausleben

In Märchen begegnen Kinder Prinzessinnen, Rittern, aber auch Hexen, Zwergen, Drachen. Nicht immer sind alle Figuren brav und gut. Nicht immer halten sie sich an Regeln und von allen Schwierigkeiten fern. Manchmal finden sich Helden in komplizierten Konfliktsituationen wieder. Kinder haben die Möglichkeiten derartige Situationen gemeinsam mit ihren Helden in der Geschichte zu erleben. Dabei schauen sie sich besonders gut an, wie der Held oder die Heldin die Herausforderungen überwindet. 

„Im Spannungsverhältnis zwischen Unglück und Glück zeigt das Märchen Wege auf, um aus den geschilderten Krisen herauszukommen und hoffnungsvoll in die Zukunft zu blicken.“ (J. Thiele, S. Wallach in Verborgene Kindheiten, 4)

„Du weißt ja, am Ende siegt das Gute.“ – das ist wohl der wichtigste Satz, den wir in Verbindung mit Märchen unseren Kindern weitergeben. Und auch wenn es in der realen Welt oft anders abläuft, spielt die Gültigkeit dieses Satzes in den Märchen eine wichtige Rolle für unsere Kinder. Denn sie können sich darauf verlassen, dass das Märchen einen sicheren Rahmen bietet. Der Held/die Heldin in der Geschichte kann stellvertretend für die Kinder Abenteuerliches erleben. Dabei kann man sich angenehm fürchten, ohne von der Angst überwältigt zu werden – denn in Märchen geht ja für die Guten immer alles gut aus.

In der Kinderliteratur ist Raum für Gewalt und Aggression 

Wenn wir Eltern nach einem Buch im Regal suchen, haben wir oft den Wunsch, für unsere Kinder ein besonders schönes Buch auszusuchen. Vielleicht widerstrebt es uns deswegen so stark, wenn wir auf Passagen im Text stoßen, die doch andeuten, Menschen wären gar nicht alle so lieb und nett. Wollen wir allerernstes unseren Kindern auch diese dunkle Seite der Welt eröffnen? Oder können und sollten wir sie davor schützen?

Von diesen Fragen können selbst Bilderbücher nicht ausgenommen werden.  Jens Thiele betont in seinem Artikel „Wenn die Bilder dunkel werden. Zur Inszenierung des ‚Dunklen‘ im Bilderbuch“, dass die visuell dargestellte Dunkelheit einen erschreckenderen Effekt als der geschriebene Text hervorrufen kann. Er schreibt: „Die nicht kontrollierbare Wirkung ‚dunkler’ Bilder löst bei Erwachsenen die diffuse Sorge aus, dass Kinder in ihrer psychischen oder moralischen Entwicklung an Bildern Schaden nehmen könnten.“

Kindern im Vorschulalter ist diese „dunkle Seite“ gar nicht so unbekannt. Genauso wie wir Erwachsene, erfahren sie im Alltag Wut – die eigene als auch die, die sie um sich herum beobachten – sie sehen Angst, sie haben häufig schon von Tod gehört und fürchten diesen. 

Märchen spiegeln menschliche Konflikte wieder. Wenn wir Eltern den Kindern einen sicheren Rahmen, sowie die Möglichkeit bieten, bei Bedarf über das Gelesene zu reden, so können wir ihnen die Auseinandersetzung mit dem „Dunkeln“ in den Geschichten zumuten. Dann dürfen sich Kinder mit allen ihren Gefühlen und Ängsten angenommen fühlen.  

Die Angst vor der Rolle der bösen Stiefmutter

Märchen spiegeln mitunter uns Eltern nicht in einem angenehmen Licht, denn auch die Gewaltbereitschaft der Erwachsenen kommt hier zum Vorschein. Neben Hexen und bösen Stiefmüttern, die die Kinder in den Wald schicken oder ermorden lassen, gibt es auch Zauberer, Könige und Königinnen, die sich grausame Strafen für diejenigen überlegen, die ihr Leben durcheinander bringen  oder ihre Ordnung stören. Sind das vielleicht die Momente, die uns beim Vorlesen in Angst versetzen? Unsere Kinder könnten ja in den Geschichten ein Stück weit auch uns erkennen. Wir Erwachsene werden stellenweise als Strafende in Situationen dargestellt, auf die wir selten stolz sind.

Kinder brauchen beim Lesen Anspruch und Qualität – Tipps zum Vorlesen
Wir neigen sehr oft dazu, das Verständnis der Kinder zu unterschätzen und wählen deshalb einfachere Texte zum Vorlesen aus. Doch Kinder brauchen eine gut geschriebene Sprache.

Hier einige Tipps für Eltern:
  • Lesen Sie Ihren Kindern (wenn möglich) regelmäßig vor. Das stärkt die Bindung und Sie haben in Gesprächen die Möglichkeit Ihr Kind und seine Weltsicht besser kennenzulernen
  • Suchen Sie bewusst Bücher aus, die auch Ihnen Spaß beim Vorlesen machen. Wenn Sie selbst gespannt sind, wie das ausgeht, werden das auch Ihre Kinder sein.
  • Wenn es sich ergibt, sprechen Sie mit Ihrem Kind darüber, was Sie gelesen haben. Stellen Sie Fragen. Vor allem offene Fragen mit den W-Fragewörtern (wie, wann, weshalb, warum, wozu…) eignen sich hervorragend für solche Gespräche.
  • Lassen Sie öfters auch Ihr Kind entscheiden, welche Geschichte es hören will.
  • Versuchen Sie passend zum Buch die Stimme etwas abzuwechseln, die Geschichte somit spannender für den Zuhörer machen. Die ganz Mutigen, können den Text als Puppentheater darstellen.
  • Und haben Sie mal gar keine Lust zum Vorlesen, dann seien Sie doch der Zuhörer und bitten Ihr Kind, Ihnen vorzulesen/erzählen.
Zusammenfassung: Lassen Sie sich nicht dazu verführen, die Kinderliteratur auf Sach-Bilder-Bücher zu reduzieren.

Kinder brauchen neben gut aufbereiteten Sachbüchern auch Kinderliteratur, die Konfliktthemen anspricht und Möglichkeit bietet eigene Ängste sowie Emotionen wiederzufinden. Dann ist es spannend mit den Helden gemeinsam nach einer Lösung zu suchen. Es ist eine wichtige Lebenserfahrung herauszufinden, dass man Schwierigkeiten überwinden kann, auch wenn es manchmal bedeutet, dass man sich Hilfe holen, oder Mut beweisen muss.  


Verwendete und weiterführende Literatur:

Jens Thiele, Sabine Wallach (Hrsg.): Verborgene Kindheiten. Soziale und emotionale Probleme in der Kinderliteratur. Zum Download unter: http://d-nb.info/993354475/34



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