Wieviel Überwachung verträgt ein Kind?

11/23/2010 11:37:00 vorm.


An einem verregneten Abend Mitte April fand ich mich erstaunt und zur Reaktion provoziert mitten in einer Diskussion wieder. Die Frage der Kameraüberwachung in Schulräumlichkeiten war der Kernpunkt der aktuellen Debatte in einer Wiener Volksschule und sie löste starke Emotionen bei den Eltern genauso wie unter den beteiligten Lehrern aus.

Wieviel Kontrolle vertragen Kinder?

Wieviel Kontrolle verträgt mein Kind, ohne einen Schaden zu nehmen? Und warum weckt die Freiheit zunehmend solche Angst in uns?
Viele von uns haben bis heute nicht vergessen, wie wichtig einem das Nicht-Unter-Kontrolle-Stehen früher war. Doch nun sind wir die Eltern. Und dieses Thema ist etwas, was wir gerne ausblenden – denn unseren Kindern könnte ja etwas passieren.  Und tatsächlich tragen wir die Verantwortung für sie – in einer Welt, die seit unserer Kindheit schneller, dynamischer und möglicherweise – MÖGLICHERWEISE - auch gefährlicher geworden ist.
Brauchen denn Kinder heutzutage noch diese
Art von Freiheit? Und wozu? Warum sollte man nicht für ihre Sicherheit sorgen, indem man rund um die Uhr „ein Auge auf sie wirft“?
Kinder sollten merken, dass wir ihnen zutrauen, mit der Freiheit umzugehen. Natürlich geraten sie ab und zu in Situationen, die wir nicht hundertprozentig unter Kontrolle haben. Aber wie sollen sie anders lernen, Gefahren abzuschätzen, richtig zu reagieren, eigene Lösungswege für solche Situationen zu suchen?  Kann es ihnen überhaupt gelingen, solange wir sie bevormunden und ihnen ein Bild von einer absolut sicheren und geschützten Scheinwelt bieten? Überwachungskameras geben unseren Kindern ein trügerisches Gefühl der Sicherheit. Sie nehmen ihnen das Nachdenken über eine Situation und ihre Beurteilung ab, was erst zu einer tatsächlichen Gefahr für unsere Kinder werden könnte!
Zu Hause angekommen, erkundige ich mich bei meinen 6jährigen Sohn, was er sich denkt, wenn er  diese Überwachungskameras sieht. „Ich muss mich ständig fragen, ob mich jetzt jemand beobachtet und alles sieht, was ich mache. Was denkt der über mich?“, antwortet er. Und ich bin erschüttert. Eigentlich hätte ich gedacht, dass er diese Kameras noch gar nicht wahrgenommen hat. Doch er bemerkte sie und nahm sie selbstverständlich hin – so, als hätten die Erwachsenen ein unantastbares Recht dazu…   
Ich finde den Einfluss der montierten Kameras auf die Identitätsbildung in diesem Alter ganz und gar nicht harmlos. Es ist ein sensibles Alter – das Schulalter. Spätestens mit der beginnenden Pubertät kommt dann zunehmend auch die Frage – bin ich ok? Ist das ok, was ich mache? Kinder und Jugendliche werden ebenso wie Erwachsene mit der Scham konfrontiert, wenn ihnen etwas vielleicht nicht so gut gelungen ist, wenn sie eine soziale Situation nicht optimal gelöst haben. Passiert es Ihnen nie, dass Sie stolpern (im wörtlichen als auch im übertragenen Sinne) und sich denken: „Na hoffentlich hat es niemand bemerkt.“  Stellen Sie sich vor, in jeder solchen sensiblen Situation gefilmt zu werden. Das wünsche ich niemandem – und am wenigsten meinen Kindern. 
Es ist eine Kunst – eine Gratwanderung – herauszufinden, wieviel Freiheit, wieviel Selbständigkeit wir unseren Kindern zutrauen können – und wieviel Kontrolle wirklich nötig ist. Wie gehen Sie mit diesem Thema um?

Was halten Sie von Überwachungskameras an den Schulen?

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