Familienwerte auf Reisen


Zwei Wochen in Russland



Ein Spielplatz so wie jeder andere. Klettergerüst, Schaukel, Rutsche – jede Menge Kinder, die mehr (meine Kinder) oder weniger (die anderen Kinder) laut spielen, herumlaufen und Freundschaften schließen. Ich sitze auf der Bank und lese einen Erziehungsratgeber, der mich mit der Meinung konfrontiert, demokratische Werte wären für das Familienleben nicht so geeignet.


Die oben beschriebene Szene könnte sich zwar überall abgespielt haben – tut sie aber nicht. Ich ärgere mich über meinen Lesestoff, während ich in Sankt Petersburg - nur hunderte Meter von einer überdimensionierten Leninstatue entfernt – meine Kinder beim Spielen beobachte. Kommunismus ist hier zwar vorbei, dennoch stark präsent. Seine Symbole werden hier weiterhin gepflegt und verehrt. Sie sind ein großer Teil der russischen Geschichte. Aus dieser Sicht ist es vermutlich in Ordnung, wenn hier mit solchen Denkmälern anders umgegangen wird als in meiner Heimat.


Ich möchte eine U-Bahn ins Zentrum nehmen. Ich bin alleine mit meinen zwei Kindern unterwegs. Beide sind unter sieben Jahre alt und können kostenlos mit der U-Bahn mitfahren.


Lifte in U-Bahnstationen gibt es hier nicht. Und somit sind viele Eltern mit Kinderwägen in der Benützung der öffentlichen Verkehrsmittel und ferner in der Teilnahme am öffentlichen Leben eingeschränkt. Aber auch für mich gibt es noch Hürden, bis ich die U-Bahn Richtung Zentrum nehmen kann. Denn das Aufsichtspersonal lässt mich nicht durch die Schranken mit zwei Kindern an der Hand gehen. Es folgt die Erklärung – am angebrachten Aufkleber ist nur ein Kind dargestellt. Alleine darf mein Sohn auch nicht durchgehen, denn er muss von einem Erwachsenen begleitet werden, der ihn an der Hand hält. Mit Kindern in Russland unterwegs zu sein, ist – interessant, aber es wird einem nicht sehr leicht gemacht. Ich bekomme den Eindruck vermittelt, dass ein Kind pro Familie wirklich das Höchstmaß ist, wenn es schon sein muss.


Reisen und das Kennenlernen von fremden Ansichten, Gewohnheiten und Werten macht uns sensibel. Wir reflektieren automatisch unseren Alltag sowie unsere Einstellungen. Und ab und zu erinnert uns eine Gegebenheit daran, wie gut wir es eigentlich zu Hause haben. Häufig neigen wir dazu, das eine als falsch und das andere als richtig zu werten. Meistens finden wir mehr Gründe dafür, warum unser Weg und unsere Art zu leben unanfechtbar sein müssen.


Es dürfte nicht immer Sinn der Sache sein, den einen unter der Kategorie „falsch“ einzuordnen, während wir den anderen (bzw. uns) idealisieren. Vielmehr ist die Auseinandersetzung mit den Themen, die uns berühren, wichtig. Wir entwickeln uns weiter, während wir zum Beispiel über unseren Erziehungsstil nachdenken – wir werden sensibilisiert. Unser Blickfeld erweitert sich. Manchmal können einfach mehrere Ansichten nebeneinander stehen bleiben – und wir voneinander lernen.


Wie ist es mit Demokratie nun wirklich? Sind die Werte, die sie verkörpert heutzutage in unserer Gesellschaft noch aktuell? Sie ist in der Verfassung vieler europäischer Staaten verankert und wird auch umgesetzt. Aber ob sie mittlerweile auch selbstverständlich ist? Es schadet nicht dann und wann daran erinnert zu werden, was es bedeutet (in) Demokratie zu leben. Und so darf auch der Sinn und Nutzen des demokratischen Denkens mal in Frage gestellt zu werden, denn es bringt uns dazu, über durchaus wichtige Grundsätze nachzudenken.


Demokratie bedeutet unter anderem auch Vielfalt – andere Ansichten, denen wir mit Respekt begegnen und zuhören müssen. Das können wir im Alltag ebenfalls in unserer Familie tun. So fühlen sich unsere Kinder nicht nur wahrgenommen und geschätzt, sondern entwickeln selbst Toleranz. Sie lernen sich am Geschehen innerhalb der Familie zu beteiligen und dieses mitzubestimmen. Sie gestalten auf diese Weise ihr eigenes Leben mit und erfahren, dass sie Rechte und Pflichten in einer Gemeinschaft haben.
Und welche Erfahrungen machen Sie bei Ihren Reisen mit Kindern? 

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Ein paar Worte

Dieser Blog ist voller Anleitungen und Rezepte, die man gemeinsam mit seinen Kindern umsetzen kann. Möge Euch einiges davon inspirieren und dazu anregen, spannende und gleichsam befreiende Zeit voller Kreativität mit euren Kindern zu verbringen.