Du sollst, du darfst, du musst…

11/23/2010 12:10:00 nachm.

Regeln mit Verantwortung



In diesem Gastgarten sitzt am Nachbartisch ein Paar. „Können Sie endlich dafür sorgen, dass Ihre Kinder ruhig sind?!“, fährt uns die Frau unvermittelt an. 
Wir befinden uns etwas außerhalb von Wien. Ein beliebtes Ausflugsziel mitten in der Natur - könnte man sagen. Unsere Kinder spielen in der extra eingerichteten Kinderecke – sie rutschen, laufen um die Rutsche herum und benehmen sich – einfach wie Kinder. 
Gerade mal 9 Menschen (abgesehen vom Gastwirt und einem unbeteiligten Gast) treffen hier an diesem Nachmittag aufeinander.  Ein Gastgarten = ein Lebensraum.  Es sind nicht einfach 9 Menschen, die hier ihre Freizeit genießen wollen. Viel eher handelt es sich um drei verschiedene Welten. Erstens finden wir hier die „Verantwortlichen“ (auch durch meine Person vertreten), zweitens gibt es hier diejenigen, die gerade jetzt und hier ohne Kinder unterwegs sind – die „Kinderlosen“. Die Welt der Kinder ist die Dritte im Bunde – im Moment wird diese Welt durch Mädchen und Buben repräsentiert, die ausnahmsweise nicht streiten, nicht trotzen, nicht wütend herumschreien oder sogar raufen. In diesem Augenblick
sind es nur Kinder, die in dem für sie absichtlich ausgewiesenem Bereich Spaß haben möchten. Doch auf einmal sollen sie es nicht dürfen? 
Die Welt braucht Regeln. Sie machen das Leben geordneter. Sie ermöglichen auch in unserem Gastgarten „Welt“ miteinander auszukommen und zu erkennen, was hier als richtig und was als falsch betrachtet wird. Regeln geben uns Sicherheit, während wir oft sehr verunsichert werden, wenn jemand die geltende Ordnung stört. 
Aber Kinder brauchen dringend auch einen Freiraum… (und vielleicht auch die Kinderseelen, die wir oft so verspannten Erwachsenen einmal waren). In einem ungeregelten Freiraum haben wir viel mehr die Möglichkeit etwas Neues zu entdecken, auf unsere eigene Art und Weise zu begreifen – und wir müssen uns  fragen, was sinnvoll wäre. Zudem benehmen wir uns ohne wirklich strenge Regeln einfach entspannter.  
Lassen wir unsere Kinder auch mal frei bewegen – natürlich ohne unsere Obsorge zu vernachlässigen! So müssen sie abschätzen lernen, wie viel sie sich zutrauen und wo die eigenen Grenzen eigentlich liegen.  Sie sind gezwungen neue Wege zu gehen und genießen die Möglichkeit, freier und kreativer nach einer eigenen Lösung zu suchen.  In einer „geregelten Welt“ ist nämlich nur eines möglich – Regeln zu brechen oder Regeln einzuhalten.  
Ich fordere Sie auf,  Regeln (und zwar alle – auch die Ihren) mal in Frage zu stellen. Behalten Sie die sinnvollen und schmeißen Sie doch die nicht mehr brauchbaren über Bord. Es könnte sein, dass Sie eine viel passendere Lösung finden. 
Du sollst, du darfst, du musst…. Das DU steht dabei im Vordergrund – in Erziehungsratgebern, in Gastgärten, sowie auf der Straße. Regeln wollen wir nach Möglichkeit alles. Doch dürfen wir es?  Oder geht es uns manchmal auch darum, die Welt des/der ANDEREN zu regeln, um den eigenen „Freiraum“ zu vergrößern?  

Wir sollten nicht vergessen, dass die Möglichkeiten unserer Kinder, frei zu spielen, in letzten Jahrzehnten geschrumpft sind. Vielleicht sollten wir uns öfters fragen: soll ich, darf ich, muss ich? Es sind eben wir – diejenigen mit der Verantwortung. Und vielleicht ist es an der Zeit, den Freiraum unserer Kinder zu respektieren und zu (be)wahren!

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