COKOLIV oder Was auch immer

11/24/2010 12:07:00 nachm.

Die Erziehung heute ist nicht, was sie einmal war

Es ist Freitagnachmittag. Draußen, entlang des Donaukanals lädt ein wunderschönes sonniges Wetter – so wie wir es diesen Frühling kaum zu Gesicht bekommen haben – zum Rumtollen im Gras, zum aufregenden Fußballspiel mit Freunden, zum Picknicken auf der frisch erblühten Wiese ein. Wir genießen die Aussicht; kilometerweit vor uns schlängelt sich eine Schnur roter Bremslichter. Im Auto ist es glühend heiß. Öffnet man das Fenster, füllt sich die Luft mit Abgasen und unüberhörbarem Lärm.


Die „gestaute“ Atmosphäre schwappt schnell auf die Stimmung meiner Kinder über. „Maaaamiiii! ICH will das!“ „Maaaamiiii! Sie lügt, ich hatte das zuerst!“, lassen sie mich wissen. Ich versuche sie zu beruhigen und mich auf den ganz und gar nicht fließenden Verkehr zu konzentrieren. Doch mein Versuch, für entspannte Stimmung im Auto zu sorgen, schlägt fehl. Nacheinander gehe ich alle möglichen Strategien durch, meine Kinder zur Vernunft zu bringen: Zunächst die in Erziehungsratgebern empfohlenen, dann die noch akzeptablen und irgendwann brülle ich nach hinten etwas, was ich nie befürworten könnte. Es scheint nicht zu funktionieren. Die beiden liegen sich buchstäblich in den Haaren.


Aber wem erzähle ich es eigentlich? Sind Sie Eltern, so kennen Sie solche Situationen bestimmt zu Genüge. Wie kommt es, dass manche erziehungstechnischen Lösungsstrategien normalerweise toll greifen – nur dann nicht, wenn man sie wirklich braucht?


Wir kennen allerhand praktische Lösungen für unsere alltäglichen Problemsituationen mit Kindern. Viele davon sind altbewährt. Wir haben sie als Kinder von unseren Eltern erfahren, wir haben sie bei Bekannten beobachtet, wir haben sie empfohlen bekommen… Und wir setzen sie wiederholt ein. Gewohntes macht uns das Leben einfacher, aber irgendwann engt es unsere Sichtweise ein. Dann können wir unseren Kindern und unserer Familiensituation nicht mehr gerecht werden.


Es ist manchmal richtig schwer, Ungewohntes zuzulassen. Es braucht Offenheit, Mut zu Neuem und Risikobereitschaft, denn hin und wieder kann es auch in die Hose gehen. Unser Alltagsleben – vor allem in der Stadt – scheint in letzten Jahrzehnten etwas „schneller“ geworden zu sein. Eltern nennen häufig Stress als einen wichtigen Faktor, der Einfluss auf ihr Verhalten hat. Zeitdruck ist vom modernen Leben nicht mehr weg zu denken. Und er verführt uns oft, auf Erprobtes zu setzen, weil wir dann schneller handeln können. Ab und zu ist es empfehlenswert. Doch beraubt es uns der Möglichkeit, das schöpferische Potential in unserem Leben mit Kindern wahrzunehmen. Erziehung ist wirklich nicht, was sie einmal war. Sie ist immer aktuell, immer auf die jeweilige Situation, das Kind und die Familie bezogen. Sie ist etwas, das sich verändert. Erziehung ist kreativ! Sie ist ein dynamischer Prozess. Machen wir aus ihr etwas Statisches und verlassen wir uns nur auf Altbewährtes und sozusagen Fertiges, schränken wir uns selbst ein.

Pauschallösungen sind in der Erziehung fraglich

In der Erziehung kann es kein Patentrezept geben. Jedes Kind ist einmalig – jede Situation anders, und das System, in dem ein jeder von uns eingebettet ist, verändert sich fortwährend.


Aber zurück in den Stau. Meine Fähigkeit, kreativ zu sein, war in der oben beschriebenen Situation aufgrund meiner emotionalen Lage deutlich bescheiden. Ich wollte nur, dass hinten im Auto endlich Ruhe herrscht. Ich musste kräftig durchatmen. Dabei fiel mein Blick auf ein Plakat nahe der Auffahrt auf die Donau-Ufer-Autobahn (sprich Tangente – für Wiener). Es war eine große weiße Tafel, auf der eine schwarze Linie gemalt war, keine gerade – sondern so eine, die sich durchs Bild kräuselt und windet, aber nichts Konkretes darstellt. Auf der Tafel stand ein Wort – ein mir vertrautes Wort – „COKOLIV“ – und sonst nichts, kein Produktname, keine Firma, keine Marke… „Cokoliv“ heißt auf Tschechisch „Was auch immer“. Und ich musste lachen. Über mich! Dieser Moment der Überraschung und ein darauf folgender Blitz meiner Intuition ließ mich die Situation doch noch retten: „Ich sehe was, ich sehe was…. ich sehe einen Wollknäuel. Und was siehst Du?“, fragte ich.


Auf einmal war es hinten still. „Wo, Mami? Wo?“ Das Spiel hat ihr Interesse geweckt und mir ein wenig Ruhe beschert.

Kreativ zu sein bedeutet auch mal inne halten zu können

... zu schauen, was ich nun mit der aktuellen Situation anfangen kann. Es ist ein kleiner Moment der Schöpfung. Er eröffnet uns die Möglichkeit, unser Leben - oder zumindest das Hier und Jetzt - aktiv zu gestalten.

Ich wünsche Ihnen für die folgenden Wochen nur wenige herausfordernde Situationen im Alltag. Aber wenn – dann fordere ich Sie auf, auf Überraschung, Kreativität und Intuition in Ihrem Leben zu setzen. Sie haben immer mehr Möglichkeiten, als nur das Gewohnte. Allerdings kann das Altbewährte eine gute Basis auf Ihrem Weg zu etwas Neuem darstellen. Vielleicht begegnen Sie dabei Ihrem „Was auch immer!“

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